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Roman Margania, Auszug aus dem Kapitel "Die eiserne Kralle"

Obwohl sie es erwartet hatten, machten Emder und Jadur große Augen, als auf dem Rubin ein Flämmchen tanzte, mit dem Mirna die Fackel anzündete.
„Verbrennst du dich nicht?“ raunte der Himme.
„Nein.“ Sie hatte die Flamme des Rubins wieder in ihrer Hand verschwinden lassen und verbarg den Edelstein im Lederbeutel. Es hatte ausgesehen, als ob er glühte. „Das ist ein magisches Licht. Kalt. Der Stein würde mir den Weg leuchten, vielleicht nutze ich ihn später. Aber im Moment ist es mir zu gefährlich, ich benötige meine Hände für den Abstieg und will den Rubin nicht verlieren.“
„Dann gehen wir nach unten!“ Emder nahm Jadur die Fackel ab und seine langen Beine tasteten bereits nach dem sichersten Halt im Einstiegsloch. Vorsichtig griff er nach dem Balken, der der Hand Halt geben sollte. Hielt er wirklich? Der Himme belastete das alte Holz mit einem Teil seines Gewichts, es hielt.
Emders Körper verschwand nach und nach. Mirna und Jadur blickten neugierig hinunter, aber der Qualm der Fackel brannte in ihren Augen und so zogen sie es vor, nur ein bisschen in das Loch zu blinzeln, ob die helle Flamme noch zu sehen war.
Dumpf erklang Emders Ruf: „Vier oder fünf Klafter sind es, jetzt stehe ich in einem Gang!“
Der Abstieg gelang auch Mirna ohne Probleme. Ihr folgte Jadur, der es tatsächlich schaffte, mit einer Hand noch den Deckel an Ort und Stelle zu rücken. Nun gab es kein Tageslicht mehr.
Der unterirdische Gang war teils mit Holzbalken, teils mit Felssteinen, und auch mit Mauerwerk abgestützt. Das Symbol der Lichten, das weiße Kleeblatt, begegnete ihnen in Form eines Kreuzes aus fünf Ziegeln sofort an der rechten Wand, es bezeichnete wohl den Ausstieg. In der Mitte des Kleeblatts hatte der Stein die rotbraune Erdfarbe, nur die vier Blätter waren geweißt.
Die ersten Augenblicke benötigten sie zur Orientierung. Die feuchten Wände glitzerten im Fackelschein, weil tausende Wassertropfen das Licht brachen. Am Boden befanden sich einzelne Wasserlachen, der Untergrund war ein wenig schlammig. Aber sie konnten auch Steine ausmachen, die den Weg befestigten. Mirnas Augen verfolgten fette schwarze Käfer, die rasch aus dem Fackellicht flohen. Sie presste ihre Lippen zusammen und wappnete sich, denn die Käfer würden nicht die einzigen Lebewesen hier unten sein. Der Gang führte in zwei Richtungen. Sie wählten den Weg nach vorn – im Moment war es einfach, die Richtung von Medona zu bestimmen. Hinter ihnen konnte der Stollen bloß weiter nach Severo führen und eventuell zu dem Wald mit dem verfallenen Brunnen.
Emder und Jadur mussten gebückt gehen, für ihre Größe reichte die Höhe nicht immer, aber Mirna konnte bequem laufen. In der Breite berührte sie links und rechts die Wände, als sie die Arme probehalber ausgestreckt hielt. Also für zwei Personen nebeneinander war es etwas eng, deshalb entschieden sie sich für den Gänsemarsch. Allerdings sollte jetzt Mirna voran gehen. Sie bestand darauf, weil nach ihrer Ansicht Emder zu leicht in eine Gefahr tappen könnte. Zum Glück ärgerte sich Emder nicht, er trat als Fackelträger in die Mitte, wie es Mirna und Jadur mit einem Kopfnicken beschlossen.
Emder gehörte nicht zu den Draufgängern, und wenn Mirna die Raubtiere hier unten erlegen wollte, dann bitteschön, dachte er schmunzelnd.
Sie beließen es bei einer Fackel, die zurzeit ausreichte. Sollte sich das ändern, dann würde der Himme aus seinem Bündel die nächste hervor holen. Als sich Mirna, Emder und Jadur soweit verständigt hatten, ging die unterirdische Wanderung los. Das Fackellicht tanzte über die buckligen Wände und warf bizarre Schatten. Die Schritte der drei klangen auf trockenen Bereichen manchmal hohl und hallten leise nach, dann wurden die Geräusche streckenweise dumpf und so gut wie unhörbar. Oder es entstanden schmatzende Geräusche beim Laufen, wenn der Boden matschig wurde.
Sie sprachen wenig, waren aufmerksam mit der Umgebung beschäftigt, bereit, auf Gefahren zu reagieren. Mal wurde der Stollen höher und breiter, sodass auch Emder und Jadur ihr Kreuz durchstrecken konnten, dann verengte sich der Gang wieder und die beiden mussten erneut ihre Köpfe einziehen. Nischen und Bögen traten hervor und richtige Felswände, es gab keinen akuraten Weg. Mirna bewunderte im Stillen die Erbauer, welche Leistung hatten sie vollbracht! Sich so tief unter der Erde eine Straße zu bahnen, sogar felsiges Erdreich zu bezwingen – da war es nur natürlich, dass manche Krümmung auftrat, mit der vermutlich große Felsbrocken im Boden umgangen wurden.
Emder versuchte, die Zeit abzuschätzen. Ob sie bereits eine Stunde hinter sich hatten? Würden sie einen ganzen Tag bis zur Burg brauchen? Dem Himmen war kalt. Die Feuchtigkeit kroch in die Glieder, obwohl sie zügig vorwärts schritten.
Plötzlich stieß Mirna einen spitzen Schrei aus. Ihre Hand wies auf eine weiße Kröte, die direkt vor ihr in eine Pfütze gesprungen war. Der dicke Kopf und weiße Augen schauten heraus, den Rest des Tieres bedeckte Wasser.
„Ganz weiß!“ staunte Jadur.
„Eklig“, kommentierte das Mädchen.
„Ein kleines Tier, kein Grund zur Sorge“, sagte Emder. „In den Höhlen sind manche Lebewesen weiß, sie brauchen keine Farbe wegen der Dunkelheit. Sie haben keine Tarnung nötig. Von den Gnomen weiß ich, dass es in Höhlen bei ihnen weiße, blinde Fische gibt.“
„Hm, dann eben weiter“, sprach Mirna kleinlaut. Es war ihr peinlich, wegen der Kröte so erschrocken zu sein.