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Nele Mint
Roth, den 7.4.08

Für meine Leserinnen und Leser

Über das Schreiben

Nein, ich besuche keine fremden Männer im Krankenhaus, wie es bei „Liebe online“ steht.
Nein, ich bin keine Serienkillerin, die im bürgerlichen Leben Strumpfhosen verkauft und deren Jobs im Grunde nahtlos ineinander übergehen … nachzulesen im „Kriminaltango“.
Nein, ich quälte mich noch nicht mit Pferd durch eine kalte Berglandschaft, wie es in „Margania“ beschrieben wurde.
Doch ich kenne Krankenhäuser, Strumpfläden und ungemütliche Berge mit Schneeresten. Ich weiß, wie Wind und Regen ins Gesicht peitschen können und wie sehr man das geschützte Tal und ein Haus mit Menschen ersehnt.
Schreiben heißt für mich, mit meinen erfundenen Personen leben. Was fühlen sie? Wie entscheiden sie sich in dieser Situation? Ich spiele meinen eigenen Film durch, im Kopf, und erst dann kann ich schreiben, wenn ich alles vor mir sehe. Natürlich fließen Dinge von mir ein, denn es sind ja meine Gedanken, die später gedruckte Seiten werden. Ich stoße allerdings auch auf Unbequemes und Ungeplantes. Doch meine Helden sind dahin gelaufen, so muss ich es abarbeiten … Den Roman oder die Geschichte kann ich nicht einfach komfortabel hinbiegen. Zum Beispiel hätte ich in „Margania“ gern die Schlacht verhindert – es war nicht drin.
Damit erlebe ich als Schreiberin Dinge, die ich nie erlebt habe.
Trotzdem gibt mir meine Persönlichkeit den Rahmen vor. Deshalb werden bluttriefende Schock- und Horrorstorys kaum aus meiner Feder fließen. Ich weigere mich, das zu denken. Aufgeschlitzte Kinder, herausbaumelnde Augen und ähnliche Grausamkeiten überlasse ich gern Stephen King, mit dem ich nicht mal im gleichen Hotel übernachten würde. Er kann das denken und fühlen – also testest er davon auch Mancherlei aus Schändet er Leichen  zwecks Recherche so wie ich zum Bogenschießen gehe? Ja, es bleiben demnach Geheimnisse um Autor und Werk und das ist gut so.
Zum Schluss die wahre Geschichte über ein Gedicht: Kennen Sie das Gefühl, mal eben Zigaretten holen zu wollen und nicht wieder zu kommen? Das Gefühl, auf der Autobahn die (Heimat)Abfahrt zu verpassen und weiter zu fahren? Im meinem Fall wäre das glatt durch Richtung Süden und die Idee lockt schon ab und an. Ganz deutlich und schmerzlich spürte ich das eines Tages auf dem Nürnberger Bahnhof. Ich stand dort und wartete auf den Zug nach Roth, während gegenüber der Nachtzug nach Rügen einlief. Das war wie der Urknall. Oh, wie beneidete ich die Reisenden! Am anderen Morgen würden sie am Meer sein und ich nicht! Ich wäre so gern dort eingestiegen. So sehr zog es mich hin, dass ich innerlich was wäre wenn durchspielte. Kann ich nicht einfach da einsteigen? Ich musste mich wirklich zurückhalten. Immer schön vernünftig sein, muss man das? Erlöst wurde ich, als der Zug endlich anrollte – ohne mich. Trotzdem ließ mich dieses Erlebnis nicht los. Dieser Streit in mir, der wirkte nach. Und die Sehnsucht zum Meer wurde riesengroß, kam aus dem Unterbewusstsein nach oben und konnte nicht mehr weggeschoben werden. Urlaubsreif. Vier Wochen später saß ich dann glücklich in diesem Zug … im Gepäck ein Gedicht für Rügen, das in der Zwischenzeit entstand.
Nun, ich bestätige hiermit meine Aussage über die Schriftstellerei, die bestimmt schon zehn Jahre alt ist: Schreiben ist schön, Schreiben ist Stress, Schreiben ist Provokation, Schreiben ist ein kleiner Seelenstriptease, Schreiben ist mein Weg.

Am Meer

Folgte deinem salzigen Ruf
der tosend nachtschwere Herzen
in geschachtelten Städten trifft
Sehnsucht - mein gewelltes Wasser
mein gemuscheltes Land

Bin hergekommen
um anzufangen
mich neu zu finden

Aus der versandeten Uhr
entschlüpfen blaue Stunden
gar nichts müssen
außer im Möwentheater
getanzte Gezeiten schauen

Am Meer
© NM 2006

Am Meer